Die digitale Grenzensprengerin

01. Juli 2020

Gerade Menschen, die von den Möglichkeiten des Internets besonders profitieren, können es oft nur eingeschränkt nutzen. Medieninformatikerin Claudia Loitsch entwickelt am Lehrstuhl für Mensch-Computer-Interaktion der TU Dresden Lösungen für sie. Mit ihrer Dissertation zur Barrierefreiheit digitaler Inhalte gewann sie den 3m5. Excellence Award.

Lesezeit: 7 Minuten

Claudia Loitsch setzt sich dafür ein, barrierefreie Systeme für die Wirtschaft zugänglich zu machen und aus der Nische zu holen. Denn der barrierefreie Zugang zum Internet ist ihrer Meinung nach nicht nur ein Menschenrecht, sondern erhöht auch die Usability für alle Nutzenden.

Rund 30 Millionen Menschen in Deutschland nutzen das Internet laut der aktuellen ARD/ZDF-Onlinestudie mehrmals täglich, 10,7 Millionen sogar fast die ganze Zeit. Sie behalten das Wetter im Blick, sie lesen Newsletter und Nachrichten, sie shoppen, sie gucken Videos, hören Podcasts, lassen sich navigieren, erledigen ihre Bankgeschäfte, sie kommunizieren mit Familie, Freunden und Kollegen. Am Desktop, auf dem Laptop, am Smartphone. So weit, so profan. Was die Studie nicht abfragt, ist, wie viele der Nutzenden bei all diesen Aktivitäten auf Hindernisse stoßen. Wie viele sich in einer komplizierten Webseiten-Struktur nicht zurechtfinden, Inhalte nicht lesen oder verstehen, Informationen nicht finden, nicht über die Maus navigieren können.

Diese Hindernisse auszuräumen, ist der Job von Claudia Loitsch. Die Medieninformatikerin fasst das Thema Barrierefreiheit dabei weit: Sie bedenkt nicht nur körperlich und geistig behinderte Menschen, sondern auch ältere und die mit temporären Beeinträchtigungen. Und sie weiß, dass nur groß angelegte Systeme wirkliche Veränderungen bringen können. Denn Teilhabe am Internet im Digitalzeitalter ist zwar eine Art Menschenrecht, dennoch erreicht nicht mal ein Bruchteil deutscher Webseiten auch nur das niedrigste von drei Barrierefreiheits-Leveln. Und das liegt vor allem an fehlenden Rahmenbedingungen.

Geräte, die sich automatisch an ihre Nutzer anpassen

Diese Bedingungen zu verbessern, war Ziel des groß angelegten Forschungsprojekts "Cloud4all" mit insgesamt sieben Millionen Euro Fördersumme. 30 Institutionen aus der EU, den USA und Kanada arbeiten dabei an einem gemeinsamen Ziel: einer Architektur für „Global Public Inclusive Infrastructur“ für barrierefreie Informationssysteme. Claudia Loitsch hat ihre Doktorarbeit einer Teil-Aufgabe dieses Projektes gewidmet. Ihre Dissertation trägt den Titel „Designing Accessible User Interfaces for All by Means of Adaptive Systems". Die gebürtige Görlitzerin entwickelte eine innovative IT-Systemarchitektur, die nicht für alle Nutzenden passt, sondern die Idee des "One size fits one" umsetzt. Jeder Mensch soll damit sowohl beruflich als auch privat problemlos Geräte nutzen können – weil die sich automatisch an die jeweiligen Bedürfnisse anpassen. Das System im Hintergrund ist eine adaptive Benutzungsschnittstelle, also eine automatische Konfiguration von Variablen wie Farbkontrasten, Schriftgrößen und Untertitelung. Nutzende sollen damit nahtlos zwischen Geräten wechseln können, auch im öffentlichen Raum. Das Interface von Bank- oder Fahrkartenautomaten würde dann beispielsweise sofort entsprechend der Person, die sie in diesem Moment nutzen will, angepasst.


Barrierefreiheit und Datenschutz



Claudia Loitsch entwickelte das regelbasierte System, das automatisch entscheidet, wie ein Gerät konfiguriert sein muss. Meldet ein Nutzer sich auf einem Gerät an, so wird von einem zentralen Server sein Profil abgerufen. Das System matcht dann in einer Art Technologie-Tinder die Konfigurationsmöglichkeiten des jeweiligen Geräts und die Nutzerdaten und gewährt so das bestmögliche Nutzererlebnis. Ihr System musste sich dabei stets mit einem statistischen Ansatz messen lassen: "Für Barrierefreiheit ist ein regelbasiertes System, selbst wenn es dem Daten-basierten in Sachen Skalierbarkeit hinterher hängt, besser geeignet, weil die Genauigkeit der Einstellungen und mögliche Konflikte besser kontrolliert werden können. Ich habe in meiner Doktorarbeit eine Logik entwickelt, die skalierbar für eine Vielzahl von Anwendungen und diverse Nutzende ist", erklärt Loitsch. Die Idee klingt in der Tat zukunftsweisend – aber ist die Welt auch für sie bereit? Gerade die Deutschen sind vorsichtige, wenn nicht gar skeptische Surfer, ihr Willen, Daten preiszugeben, hält sich in Grenzen.



"Das besondere bei der von uns entwickelten IT-Architektur ist gerade, dass wir keinerlei persönliche Daten speichern", so Loitsch. "Wir können die technischen Anforderungen der Nutzenden so beschreiben, dass wir keine sensiblen Daten brauchen." Welche Einschränkungen ein Nutzer hat, geht aus seinem Profil also ebensowenig hervor wie Adressdaten oder Krankheiten. Und das Profil lässt sich sogar auf einem lokalen Gerät statt auf einem externen Server speichern.



Das komplette System ist Anbieter-unabhängig: "So ist Barrierefreiheit leichter umzusetzen. Denn insbesondere das Nutzungsszenario, dass Menschen verschiedene Geräte nutzen, verlangt der Architektur viel ab. Sie muss alle für diese Geräte benötigten Einstellungen und Schnittstellen zu Hilfsmitteltechnologien effektiv verwalten."



Barrierefrei von Anfang an 



Zur Zeit hat das System noch keine Marktreife erlangt. Es wird in den USA weiter getestet. "Ich hoffe aber natürlich, dass besonders die adaptive Schnittstelle Barrierefreiheit und Diversität fördert und das Thema in den Fokus rückt". Denn neben vielen kleinen Herausforderungen, so die Medieninformatikerin, ist die Akzeptanz der Dreh- und Angelpunkt. Wirklich barrierefreie Systeme und Webseiten zu bauen, ist schwer, weil sowohl Designer als auch Entwickler die nötige Expertise schon bei der Planung bräuchten. Und gute Tools zur Unterstützung. Denn Barrierefreiheit nachträglich auf ein bestehendes Projekt aufzusatteln, ist nicht nur viel aufwendiger, sondern auch viel teurer. Loitsch und ihre TU-Kollegen wollen das Thema deshalb als Pflichtveranstaltung in der Lehre etablieren. Und so das Verständnis für den richtigen Zeitpunkt langfristig verbessern.


Nächstes Ziel: barrierefreie Indoorkarten



Indes wird ihr nicht langweilig werden, Herausforderungen warten genug: "Im Webbereich gibt es die WCAG oder die BITV als Richtlinien, auf die wir uns berufen, wenn wir Lösungen entwickeln. Einige Bereiche, zum Beispiel Kartendienste und location-based Services, sind aber noch nicht standardisiert." Aktuell arbeitet Loitsch an "Accessible Maps": barrierefreie Karten für Innenräume. Deren Erstellung ist knifflig, ganz ohne Google-Auto, das systematisch Straßen abfährt und kartiert. Loitsch und ihre Kollegen müssen im ersten Schritt deshalb auf andere Quellen wie Fluchtpläne und Kamerafahrten zurückgreifen.



"Momentan gibt es noch sehr wenige Indoor-Karten. Und die vorhandenen sind oft interessengeleitet. Da taggen sich zum Beispiel Geschäfte im Hauptbahnhof als Point of Interest. Für behinderte Menschen ist aber wichtiger, wo sie Eingänge mit Rampen, Fahrstühle oder die Behinderten-Toilette finden."



Die manuelle Kartierung ist außerdem sehr aufwendig und damit teuer. Loitsch sieht deshalb, genau wie bei den Geräte-Schnittstellen, die automatische Generierung mit intelligenten Verfahren, als Lösung – eingebettet in allgemein zugängliche Systeme wie OpenStreetMap. In einem zweiten Schritt sollen diese Karten dann automatisch für verschiedene Zielgruppen – Mobilitätseingeschränkte, Blinde, Analphabeten – angepasst werden. 


Barrierefreies Amt ist nicht genug



Dass es so schleppend voran geht mit der Barrierefreiheit, liegt auch an fehlender, wirtschaftlicher Attraktivität: Die Zielgruppe der Eingeschränkten und Älteren ist zu klein. Zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung. Die Statistik zeigt eine andere Realität: Jeder fünfte EU-Bürger war 2019 älter als 65 Jahre. In Zukunft wird es, Demographie sei Dank, jeder Vierte sein. Zumindest öffentliche Institutionen haben darauf reagiert: Seit 2016 muss Barrierefreiheit im öffentlichen Kontext berücksichtigt werden. Das EU-Recht verpflichtet alle öffentlichen Stellen der Mitgliedsstaaten, ihre Webangebote "wahrnehmbar, bedienbar, verständlich und robust" zu gestalten. Das war ein großer Schub – allerdings keiner, der viel in der Privatwirtschaft bewegen konnte. 



Das ist ein Dilemma, denn auch Nutzende mit Einschränkungen surfen vornehmlich nicht, um Behörden-Kontakte zu recherchieren oder auf den Webseiten von Ämtern und Co abzuhängen. Im Gegenteil: Gerade für sie bietet das Netz oft den einzigen Raum, in dem sie sich selbstbestimmt informieren, mit anderen kommunizieren und tun können, was sie wollen – würden nicht neue, digitale Barrieren warten.

Barrierefreiheit erhöht die Usability für alle Nutzer



"Mainstreaming Accessibility ist für alle Menschen interessant und hilfreich", sagt Loitsch. "Früher haben wir Systeme für den Durchschnittsnutzer entwickelt – das ändert sich zum Glück immer mehr, hin zu One size fits one." Barrierefreiheit sei nicht das Nischenthema, als das es wahrgenommen werde. Leichte Sprache im Netz und eine möglichst intuitive Navigation helfen zum Beispiel bei Gesetzestexten oder Kulturvermittlung allen Nutzenden.



Oder die Farben und Schriften: Mediziner forschen schon länger an den Auswirkungen, die lange Bildschirmzeiten auf unser aller Gesundheit haben. Sie vermuten, dass die rasant zunehmende Kurzsichtigkeit in der Gesellschaft mit den vielen Stunden zu tun hat, die wir unter Kunstlicht vor dem Computer oder am Handy verbringen. "Ich selbst nutze zum Beispiel immer den bestmöglichen Kontrast und eine relativ große Schriftgröße auf Webseiten. Einfach, weil es die Augen weniger anstrengt", erzählt Loitsch. Doch weil viele andere das manuelle Anpassen einer Website nicht gewohnt sind, kneifen sie stattdessen die Augen zusammen und rücken näher an den Bildschirm. Nur ein Beispiel für die verpasste Chance individueller Anpassung.



Tool-Plattformen fehlen – wenn die Barrierefreiheit selbst Barrieren hat



Den Webseiten-Anbietern macht Claudia Loitsch allerdings keinen Vorwurf. Denn wer sich mit Barrierefreiheit nicht auskenne, bleibe oft auf halber Strecke stecken: "Angenommen, mir ist als Unternehmer bewusst geworden, dass ich meine Seite barrierefrei gestalten möchte... Dann stelle ich mir die Frage: Was nun? Ich muss Lösungen und Tools suchen, Wordpress bietet ja zum Beispiel entsprechende Themes an. Es gibt auch gute Open-Source-Lösungen." Was es nicht gibt: Eine Plattform, die bestehende Tools, Leitfäden und Hilfen gesammelt zugänglich macht.

Zumal die meisten Unternehmer das Pferd zwangsläufig von hinten aufzäumen und ihre bestehende Website umbauen und anpassen müssen. Loitsch zählt auf: "Eine barrierefreie Webseite zu bauen, beginnt schon in der grundlegenden Struktur: Dem Aufbau der Überschriften, dem Vertaggen der Texte, Bildbeschreibungen, dem Verzicht auf Layouttabellen, der Untertitelung von Multimedia-Inhalten. Idealerweise unterstützt eine solche Webseite unterschiedliche Modalitäten – sprachlich, auditiv, visuell – und ermöglicht verschiedene Bedienung, zum Beispiel mit der Tastatur, der Maus oder Kopf- oder Zehenbewegungen. Später müssen neue Inhalte konsequent weiter barrierefrei gepflegt werden." Kurzum: Wer Barrierefreiheit will, braucht neben Experten, die sich damit auskennen, die richtige Einstellung und Konsequenz. Und steht damit paradoxerweise häufig selbst vor einer Barriere.

Claudia Loitsch, 38, arbeitet an der TU Dresden am Lehrstuhl für Mensch-Computer-Interaktion von Professor Gerhard Weber. Barrierefreiheit ist dort ein zentrales Thema – weil sie ausschlaggebend dafür ist, wie gut Technologie Menschen unterstützen kann. Loitsch ist Mutter zweier Kinder. Die 3.000 Euro Preisgeld des 3m5. Excellence Award nutzte sie für die sechswöchige Europareise, zu der sie unmittelbar nach der Verleihung mit ihrer Familie aufbrach.

Die meistgelesenen Artikel der letzten 3 Monate
Diese Webseite nutzt Cookies, um sicherzustellen, dass Sie bei der Nutzung die bestmögliche Erfahrung machen. Weitere Informationen zum Datenschutz erhalten Sie in der Datenschutzerklärung. Erfahren Sie mehr
Ablehnen Cookies zulassen